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Mittwoch, 11. Oktober 2017

"Ist das nicht immer das Gleiche?"

Oktober. Die Tage werden kürzer, die Regenfälle stärker und generell ist alles grau. Deutschland kramt langsam die dicken Jacken aus dem Schrank und im Supermarkt gibt es die ersten Lebkuchen.

Während alle stöhnen, denke ich mir so: geil! Das hat allerdings in keinster Weise etwas mit den oben genannten Dingen zu tun, sondern viel mehr mit der Eröffnung der Hallensaison. Die Bands haben sich vom Festivalsommer erholt und begeben sich endlich auf Tour.


Herbst, oder wie ich ihn nenne: die beste Zeit im Jahr

Bereits vor Monaten habe ich Urlaub eingetragen, Tickets für Konzerte quer über die Landkarte verteilt gekauft, das Benzin-Sparschwein gefüttert und mich gefreut. Jetzt geht es endlich los. Die Nächte werden sich wieder auf der Autobahn um die Ohren geschlagen, die viel zu kalten Tage werden im Zwiebellook mit zwei Winterjacken vor den Konzerthallen des Landes verbracht. Außerdem wird die gesunde Ernährung durch Fast Food ersetzt und wenn selbst das nicht mehr verfügbar ist, retten einem auch mal die Tankstellensnacks das Leben. In drei Wochen bereist man mehr Großstädte als normale Leute im ganzen Jahr und reißt mehr Kilometer aufs Auto runter, als der durchschnittliche Handelsvertreter von Coca Cola. Und all das für die Musik.

Mein Gesicht, wenn man mir die Klassiker-Fragen stellt.

Was für mich mittlerweile so selbstverständlich geworden ist, können viele Leute nicht nachvollziehen. Vor allem hier auf dem "Dorf" (bitte verzeih mir, große Kreisstadt) bin ich mit meinem Hobby gebrandmarkt. Klar, während nämlich die meisten hier auf den Dorffesten die sozialen Kontakte gepflegt haben, habe ich mir einen netten Festivalsommer gemacht. Wenn jetzt alle im Winter wieder in die Kneipen ziehen und sich verabreden, bin ich nicht da, sondern bei der Lieblingsband. Oft muss ich schon Monate vorher für Partys absagen, weil ein Konzert ansteht. Das alles hat natürlich zur Folge, dass ich nahezu gelöchert werde, wenn ich denn mal zuhause bin.

Immer wieder sehe ich mich in diesen Gesprächen mit den gleichen Fragen konfrontiert: Wie machst du das eigentlich logistisch? Ist das nicht furchtbar teuer? Wird das nicht langweilig? Und mein ewiges Highlight: Ist das nicht immer das Gleiche? Da die nächste Tour keine Woche mehr entfernt ist und ich weiß, dass es Menschen gibt, die es wirklich interessiert, möchte ich diese Klassiker-Fragen ein für alle Mal beantworten und ein bisschen Licht ins Dunkel bringen, was ich da eigentlich treibe und warum es mich so glücklich macht.


Ist das nicht furchtbar teuer?

Da liegt ihr nicht falsch, aber ich kontere mit einer Gegenfrage: ist das deine Dauerkarte beim Fußball nicht auch? Oder die ständigen Tierarztbesuche mit deinem Pferd? Und wie ist es eigentlich um die neuen Felgen von deinem VW bestellt, waren die billig?

Genau, Hobbys kosten (meistens) Geld. Natürlich ist das kein günstiger Spaß, quer durchs Land zu reisen und Konzerte zu besuchen, aber mit ein bisschen Planung kriegt man das gut optimiert. Die Tickets kaufe ich in der Regel über Monate im Voraus und selbst da weiß man als treuer Fan meist schon früher, dass demnächst was kommen könnte. So bleibt mir also genügend Zeit, Geld auf die Seite zu schaffen und das Sparschwein zu füttern. Wenn dann tatsächlich der Vorverkauf startet, ist das nämlich alles halb so wild, auch wenn es natürlich immer weh tut, wenn man den Ticketfirmen einen 2-wöchigen Urlaub überweist.

Ebenso weiß ich, dass es sich damit nicht erledigt hat. Für manche Städte müssen Hotels gebucht werden, der Benzinverbrauch ist bei manchen Routen horrend und Maut gibt es in den Nachbarländern auch noch. Dann habe ich weder gegessen, noch getrunken oder mir das obligatorische Tour-Merch gekauft. Klar kommt da einiges zusammen, aber das ist alles Einstellungssache. Wenn andere Mädels durch die Innenstadt bummeln und eine Shoppingtour machen, habe ich die nächste Konzertreise immer im Hinterkopf und stecke zurück. Vor ausgiebigen Touren versuche ich so optimal wie möglich zu haushalten, denn lieber lebe ich auf Tour wie ein Fürst, als zuhause. Für Dinge die man liebt, gibt man eben gerne Geld aus. Roundabout: Mir ist durchaus bewusst, dass ich mir natürlich die Premium Edition der kostenintensiven Hobbys ausgesucht habe, aber dafür macht es mich auch Premium glücklich.

Wie machst du das eigentlich logistisch?

Dem aufmerksamen Leser meines Blogs ist es sicher nicht entgangen, dass ich eine besondere Beziehung zu meinem Auto hege. Das ist auch irgendwie unabdingbar, ist es schließlich auch während einer Tour mein Wohnzimmer. Es transportiert mich nicht nur von A nach B, sondern fungiert genauso als fahrender Kühlschrank und, in vielen Fällen, auch als Bett. Wie im vorherigen Punkt bereits angesprochen, ist Touren kostenintensiv. Das heißt auch, das wir mal im Auto schlafen, wenn wir nach dem Konzert am Abend ohnehin in die nächste Stadt müssen, wo wir dann ab morgens wieder vor der Halle sitzen. Ein Hotel wäre da schlicht und einfach unnötig. Und es sei euch gesagt: mit einem ordentlichen Schlafsack pennt es sich gar nicht so schlecht im Auto. Ich möchte jetzt aber nicht ausschließen, dass ich in den letzten Jahren der vielen Konzerte und Festivals einfach abgestumpft bin...
Manchmal kommen wir auch bei Freunden in anderen Städten unter. Mit den Jahren lernt man doch allerlei Leute kennen, die einen immer gerne aufnehmen. Sowohl bei den Ringrockern als auch im Tourerkreis bietet sich hier oft jemand mit einer Couch an. Klarer Vorteil ist hierbei natürlich die Dusche, die mein Auto leider immer noch nicht hat. Wenn aber die Tourkasse knapp ist und kein Schlafplatz in Sicht, kann da auch mal die Dusche auf dem Rastplatz Abhilfe verschaffen. Was sich jetzt gruselig anhören mag (ich weiß, das hab ich früher auch gedacht), ist eigentlich gar keine schlechte Sache. Für kleines Geld gibts ne heiße Dusche und am nächsten Tag steht man wieder wie aus dem Ei gepellt in der Halle.

Aus der Reihe: Menschen, die man viel zu selten sieht.

Wie dem auch sei: auch die Zeit möchte gut eingeteilt sein. Oft werde ich nämlich gefragt, wie ich das zeitlich arrangiert bekomme. Da heißt die Devise: Planung. Städte, die im Radius von 350km liegen, kann man auch locker nach der Arbeit noch anfahren. So lassen sich einige Urlaubstage sparen. Eine dreiwöchige Asienrundreise ist natürlich ausgeschlossen. Ansonsten sind kulante Chefs, die die Begeisterung zumindest ein bisschen nachempfinden können, das A und O. Wenn gar nichts mehr hilft. müssen eben noch die mühsam erarbeiteten Überstunden dran glauben. Wofür, wenn nicht für das, was das Herz zum Schlagen bringt?

Wird das nicht langweilig?

Auf diese Frage reagiere ich meist energisch und mit genervtem Unterton, weil ich sie am wenigsten nachvollziehen kann. Zunächst, warum glaubt ihr, tue ich über Jahre hinweg etwas, was ich langweilig finde? Glaubt ihr nicht, ich hätte längst damit aufgehört, wenn es mich anöden würde? Seht es mal von diesem Standpunkt aus: Mit den Jahren habe ich unfassbar viele tolle Menschen kennengelernt, die genauso, wie die ganzen Konzerte, quer über die Landkarte verteilt sind. Wir sehen uns im Normalfall nur in den wenigen Wochen der Konzertsaison. Ihr erinnert euch - Zeit ist ein kostbares Gut, für außerordentliche Treffen haben wir selten Zeit. Wir teilen die gemeinsame Leidenschaft für die Musik und es ist unglaublich schön, das alles mit ähnlich Verrückten zu erleben. Für uns ist es wie eine große Klassenfahrt, bei der wir Unsinn verzapfen, stundenlang reden und einfach nur eine gute Zeit haben. Eigentlich braucht es da gar keine Konzerte, es reicht, dass wir uns wieder haben!

Außerdem kann es bei so viel Reisen kaum langweilig werden. Fast jeden Morgen eine neue Stadt, eine neue Region. Das heißt auch neue Leute, anderes Essen und neue Eindrücke. Das allein ist super spannend. Ihr glaubt gar nicht, was für schöne Städte es gibt, die man ohne so ein Hobby niemals besuchen würde. Jetzt habe ich hier einen dicken Absatz geschrieben und von Konzerten war noch gar keine Rede - ihr seht, worauf das rausläuft, oder?
Hier kommt nämlich der fließende Übergang zur nächsten Frage.

Ist das nicht immer das Gleiche?

Ich versuche, euch das mit einem Beispiel klarzumachen. Bayern und Dortmund spielen mehrfach im Jahr gegeneinander. Ist das dann immer das gleiche Spiel? Nein. Die Spieler sind in einer anderen Form, das Stadion wechselt, die Fans machen eine andere Choreo und das Ergebnis ist in den meisten Fällen auch unterschiedlich. So ähnlich ist das bei mir mit den Konzerten. Es ist die gleiche Band, es sind oft die gleichen Leute. Sind es deshalb die gleichen Konzerte? Auf keinen Fall. Klar, kann jede Band nur aus einem bestimmten Pool Songs schöpfen, aber hier dürft ihr nicht vergessen, dass es die Songs sind, die auch nach dem 3454. Mal hören nicht schlecht werden, die Art von Song, wie sie nur eine Lieblingsband schreibt. Die Jungs sind auf Tour jeden Abend anders drauf, genau wie ich als Besucher. Man weiß im Vorfeld nie, was auf der Bühne passieren kann und wird. Klar sind auch mal Abende dabei, die nicht so besonders sind, weil sie mich vielleicht nicht ganz so abholen oder bei denen irgendwas nicht gepasst hat. Dann kann ich euch aber Brief und Siegel geben, dass der Abend danach umso stärker wieder in Erinnerung rufen wird, warum ich das alles eigentlich mache. Das sind diese Momente, in denen ich dümmlich grinsend auf die Bühne starre und mir denke: wie geil ist das eigentlich alles, was du hier erleben darfst?

So sieht pures Glück aus! Bildrechte beim Kraftklub.

Ich hoffe, ihr könnt verstehen, dass ich eben diese Emotionen so oft wie nur möglich abspulen möchte. Dieses Gefühl des Glücks, wenn die letzten Akkorde verhallen und ich strahlend aus der Halle schlendere, ist für mich unersetzlich. Und erst wenn ich das mal nicht mehr spüre, denke ich vorsichtig darüber nach, irgendetwas zu ändern.

Und jetzt Realtalk: 

Seht es mir nach, wenn ich euch nach dem vierten Gin-Tonic vielleicht ein bisschen mit meinem Konzertverrückten-Dasein zuschwafle. Ich kenne bei diesem Thema kein Ende, weil es mich glücklich macht und das sollte jeder wissen, der mich schon einmal darüber hat philosophieren hören. Also gebt mir bei meinem nächsten Laberflash vielleicht einfach ein Getränk aus und schweift elegant ab wenn ich anstrengend werde, denn es fühlt sich unfassbar hart an, wenn man über etwas erzählt, was einen glücklich macht und man spürt, dass der Gesprächspartner in Gedanken bereits beim Einkaufszettel von nächster Woche ist. Bitte versteht mich nicht falsch, ich freue mich über jeden, der Interesse an meinem durchaus bunten Leben zeigt und nachfragt. Aber durch manche Fragen fühle ich mich auch an den Pranger gestellt und finde mich in der Rolle wieder, mich rechtfertigen zu müssen. Wenn euch also interessiert was ich so treibe, fragt nach, lest hier ein bisschen mit, gebt mir aber bitte nicht das Gefühl, ein Freak zu sein.

Ich mag vielleicht einer sein, aber immerhin bin ich ein Mensch mit Leidenschaft!

Peace and Out, wir sehen uns auf der Tour, nach der Tour oder hier auf dem Blog.
Bandana Jones aka Samira



Kommentare :

  1. Liebe Samira,

    Ich finde deinen Blogeintrag klasse! Ehrlich gesagt spricht er mir aus der Seele!
    Die Fragen werden nicht nur dir so oft gestellt. Ich glaube jeder, der zur tour einer Band auf mehr als 2 Konzerte geht, durfte das schon mal hören!
    Belächelt wird man ja sowieso immer. Was ich total dämlich finde! Es ist halt eben ein Hobby. Andere haben halt ihre Modellbahn oder gehen zum Fußball! Unser eins wird halt von glücklichen Musikern auf der Bühne angesteckt.
    Ich finde, weder du noch ich sind in irgendeiner weise verrückt oder überhaupt n Freak! Ich finde das hat halt was mit Leidenschaft zu tun. Wenn man etwas mag, dann macht man es halt richtig ;)
    & ich finde es halt schrecklich das mn sich für sowas rechtfertigen muss. ��
    Wir sehen uns sicher auf dem ein oder anderen Konzert bei kraftklub ? ;)
    Lass dich nicht ärgern! Manchmal ist es auch nur Neid, dass man sein Leben geniest und das macht was man liebt! Langweilig können wir später noch oft genug sein.

    Liebe Grüße
    Liz

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  2. Liebe Samira,

    ich bin bei den Ringrockern auf deinen Blog gestoßen, finde diesen sehr interessant! Eine Frage hätte ich zum Thema "vor der Halle sitzen" an dich: War das eher so gemeint das du dann einfach auf den Einlass wartest oder begibst du dich bewusst frühzeitig zur Halle damit du dann "als erstes" in die Halle kannst um einen guten Platz zu ergattern? :-)

    Wünsche dir viel Spaß in Dornbirn heute Abend und natürlich bei der restlichen Tour auch noch :-)

    Liebe Grüße Roman

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    1. Hey Roman!
      Danke für das Lob erstmal, ich bin immer noch erstaunt, wie viel positive Resonanz ich erhalte. Das freut mich tierisch!

      Klar, das hat Hintergrund. Seit ich damals auf der Klubtour 2014 "häufiger" zum Kraftklub gefahren bin, hatte ich quasi meinen Stammplatz in der ersten Reihe. Den möchte ich nun natürlich nach Möglichkeit jeden Abend haben. Und deshalb komme ich früh :)

      Gerade bei den großen Hallen aber werde ich auch den ein oder anderen Tag mal "hinten" machen, einfach um zeitlich ein bisschen flexibler zu sein und die Show auch mal von hinten genießen zu können. Crowdsurfs natürlich inklusive!

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