SOCIAL MEDIA

Montag, 11. Dezember 2017

Die Toten Hosen • Laune der Natour • Schleyerhalle, Stuttgart • 09.12.2017




Eigentlich wollte ich mir und den Hosen eine Pause voneinander gönnen. Jetzt ist es doch passiert. Nachdem ich alle meine Tickets für die Tour verkauft habe, bin ich am Samstag doch auf ein spontanes Angebot eines Freundes eingegangen und mit gen Stuttgart aufgebrochen. Ein emotionsgeladener Abend mit einem unentschlossenen Fazit ist daraus geworden.


Fangen wir vorne an: Die Hosen sind für mich der Ursprung meines exzessiven Konzertverhaltens, die Mutter des Wahnsinns und der Punkt, an dem ich verstanden habe, dass Livemusik besser heilt, als jeder Therapeut. Sie waren jetzt ganze drei Jahre in der Pause, eine Zeit, in der sich musikalisch bei mir viel getan hat und sich eine kleine Band aus dem Osten immer weiter in die Frontrow meines Herzens gespielt hat und dort längst nicht mehr wegzudenken ist.

Zwar gab es die ein oder andere Hosenshow in der Pause, auch im für das Fanherz so wichtigen kleinen Rahmen, aber richtig sattsehen konnte man sich eben in den vergangenen Jahren nicht gerade an den fünf Herren aus Düsseldorf. Wenn dann mal wieder einer der spärlich gesähten Gigs anstand, ging ich meist mit gemischten Gefühlen nach Hause. So richtig abholen konnten sie mich nicht. Wirklich benennen, woran das lag, konnte ich es umgekehrt aber auch nicht. Ich dachte mir immer, dass das eben eine kleine Krise sei und wenn sie mit neuem Album und einer großen Tour aufwarten, bin ich wieder Feuer und Flamme. Jetzt ist mittlerweile Dezember, die Laune der Natur ist über ein halbes Jahr alt und ich frage mich, wo die Flamme ist. Am Freitag vor dem Konzert war es nämlich maximal ein Teelicht. 

Im Wechselbad der Gefühle gibts keinen Bademeister-Job 

Wenig motiviert bahnte ich mir meinen Weg durch die, wie immer, unter der katastrophalen Hallenorga leidende Schleyerhalle* (einen ausführlichen Verriss zu diesem Mistloch von Konzertlocation, man verzeihe mir die Wortwahl, ist am Ende des Artikels aufzufinden). Ich wusste nicht so recht, wie der Abend werden würde, da die bisher gesehenen Shows 2017 nicht zu überzeugen wussten. Mit meiner selbst auferlegten Pause wollte ich eigentlich genug Abstand gewinnen, um den Hosen 2018 eine neue Chance geben zu können. Manchmal kann sowas ja frischen Wind einhauchen. Irgendwie hat es dann aber doch in den Fingern gejuckt und ich musste ehrlicherweise nicht lange überlegen, als man mir eine Karte für den Samstag anbot. Als ich dann im ersten Wellenbrecher stand und zu Walk on die Fahnen gehisst wurden, konnte ich meine Gänsehaut nicht leugnen. Es gibt sie halt doch noch, diese zauberhaften und absolut einzigartigen Momente. Mit Urknall und Auswärtsspiel hatten mich die Hosen direkt und ich fragte mich kurzzeitig, wann ich eigentlich die Schnapsidee hatte, die Tour auslassen zu wollen. 

Leider hielt diese Euphorie nicht lange an und es begann ein heiteres Wechselspiel der Emotionen, was den restlichen Abend prägen sollte. Immer dann, wenn ich gerade voll am Durchdrehen war und das Konzert mit jeder Faser genoss, kam irgendein Song, der die Luft wieder komplett rausgenommen hat. Die Setlist, objektiv betrachtet, bietet eigentlich keinen Grund zu meckern. Wie ich bereits mit großer Begeisterung im Netz verfolgte, rotieren die Hosen ENDLICH mal ordentlich durch und graben jeden Abend auch vergessen geglaubte Schätze aus. Meiner Meinung nach obligatorisch bei einer Band, die eine Diskographie in diesem Ausmaß ihr eigen nennt und dementsprechend auch eine überfällige Entwicklung. Zwischen den Perlen fanden aber auch Songs ihren Platz, die mich früher leicht störten und mich mittlerweile, ehrlich gesagt, kolossal nerven.

Beispiel: Ich brauche kein "Bommerlunder" und schon garkein "Jägermeister" direkt im Anschluss. Da können sie alte Schinken ausgraben wie sie wollen, das ruiniert bei mir jegliche Stimmung, auch wenn viele jetzt behaupten würden, Songs wie diese gehören zu einem Hosenkonzert dazu. Genau in dem Punkt sehe ich es nämlich anders. 

Sie sehen: die Toten Hosen aus Düsseldorf. Vor Breiti: ein rotes Kopftuch, gerade zu Ende gesurft.

Mit der Entwicklung, die die Hosen in den letzten Jahren gegangen sind, die ich liebevoll auch die "Tage wie Diese"-Ära nenne, sind viele Leute in den Hallen dazugekommen, die von den Punknummern nicht viel wissen möchten und in Ruhe ihre Radiohits genießen wollen. Deutlich wird das vor allem auf den Rängen, wo ich mir teilweise nicht sicher war, ob da wirklich Leute, oder nur Pappfiguren rumhängen. Die Hosen versuchten diesen Spagat zu schlagen, in dem sie beiden "Besuchergruppen" ihre Leckerbissen hinwarfen und versuchten, beide Lager gleichermaßen glücklich zu machen. Bei vielen Leuten mag das funktionieren, mich kriegen sie damit allerdings nicht mehr zu 100%. Vor allem nicht, wenn Campi ständig das übergeile, sensationelle, eskalierende Publikum lobt und um mich herum in der ersten Welle die Leute auf Whatsapp chatten, während ein Legendensong wie "35 Jahre" im Set landet und sich zu alldem noch wundern, wenn sie vom Pit aus berührt werden. Währenddessen holt man sich auf den Rängen eine Cola, ehe man nach dem zweiten Encore den Saal verlässt, um an der Garderobe einen guten Platz zu ergattern.

Würdest dus nochmal probieren? Ich wär sofort dabei.

Ich weiß nicht, wie ich all meine Eindrücke und Emotionen des Samstagabends auf den Punkt bringen soll. Mit knapp 3h Spielzeit und einigen großen Überraschungen im Set war ich eigentlich wirklich glücklich und hatte unfassbar großen Spaß. Manchmal hingegen konnte dann aber ich nur müde Lächeln. Wenn ich 2013 noch bei "Tage wie diese" fröhlich mitsang, so kann ich das am heutigen Tage einfach nicht mehr. Andererseits wieder war ich im aktuellen Konzertjahr selten so euphorisch, wie in dem Moment, als Campino "Disco" ansagte und ich strahlend wie eine Irre in den Pit rannte. Es ist ein zweischneidiges Schwert mit mir und den Hosen und ich weiß noch nicht genau, in welche Richtung es weiterhin geht. Es hat sich zwar unfassbar gut angefühlt, nach dem Surf die üblichen Verdächtigen in der ersten Reihe zu umarmen und ich kann nicht leugnen, dass ich nicht Bock hätte, doch noch was auf der Tour mitzunehmen. Aber irgendwie hat es sich auch nicht ganz so gut angefühlt, wie das auf der BdR-Tour noch war. Ihr seht, viele Gefühle, viele Befindlichkeiten und an manchen Stellen sicher auch Brücken, die nicht unbedingt mehr zu schlagen sind. Trotzdem wollte ich hier irgendwie festhalten, wie zwiegespalten der Abend für mich war, auch wenn das kein Seelenstriptease der einfachen Art war. Irgendwie hänge ich halt doch an den fünf Herren.
Randnotiz: Müsste ich mich mit Pistole auf der Brust jetzt wirklich für eine Seite entscheiden, das Fazit würde dann vermutlich ein gutes sein.

Long story short: Bei den Hosen hat sich viel getan und nicht jede dieser Entwicklungen kann und will ich mittragen. Störfaktoren, über die ich bei anderen Bands hinwegsehen kann, sind hier für mich zu gravierend geworden, als dass ich sie einfach Schönreden oder gar weglügen könnte, auch wenn ich das lange versucht habe. Früher konnte ich das noch, mittlerweile ist das -leider- nicht mehr so. So ist das eben mit den Gefühlen, so ganz rational erklären lässt es sich nicht immer und beeinflussen kann man das auch nur bedingt. Eine gute Beziehung hat eben Hochs und Tiefs.

Ich werde in Zukunft mit Sicherheit noch öfter vorbeischauen, als Otto Normal das tut, aber nicht mehr in der Form, wie noch zu BdR Zeiten. Meine Zeit mit den Hosen ist sicher noch nicht vorbei, aber sie wird in Zukunft anders werden. Und mit Sicherheit auf ihre ganz eigene Art schön!

PS: Man munkelt, wir sehen uns an Weihnachten...




*Nachtrag zur Schleyerhalle: 
Ich habe ja bereits zu einem früheren Zeitpunkt ordentlich Dampf über die Schleyerhalle abgelassen (Wer das verpasst hat, darf gerne hier nachlesen). Am Samstag bot sich mir dort allerdings ein Bild, was alles bisher Dagewesene in den Schatten gestellt hat. Als ich fünf Minuten vor Einlass vom Wasen auf die Brücke vor der Halle schlenderte, stand da eine sich lange Zeit nicht bewegende Menschenmasse. Was war der Grund? Die Porsche-Arena, die ja bekanntlich mit der Schleyerhalle verwachsen ist, wurde parallel mit einem Konzert bespielt. Einen Umstand, den ich so auch noch nie erlebte. Die Besucher der Hosenshow, was immerhin knapp 15.000 Leute waren, durften sich so um 7 Schleusen prügeln, weil die restlichen für das Konzert nebenan benötigt wurden. Das Chaos am Einlass, bei dem ja aufgrund der Höhe der Halle die Leute von allen Seiten kommen, war vorprogrammiert. Drinnen ging das Chaos munter so weiter - da die Hallensecu am Mittag vor der Halle wieder fleißig Bändchen verteilte und Stunden später merkte, dass es die falschen waren. Daraus resultierte die ein oder andere Komplikation beim Befüllen der Wellenbrecher, sodass der vordere noch leerer blieb als sonst. Stimmungskiller und vor allem Riesenärgernis für alle, die kein Bändchen mehr ergattern konnten. Es ist unnötig zu erwähnen, dass man auch nach Beginn des Konzerts keine Leute mehr hereinließ, obwohl noch für mehrere Hundert Platz gewesen wäre.

Weiter ging das Schleyerhallen-Fiasko an der Garderobe. Denn beide Garderoben waren bereits um 19 Uhr (eine Stunde nach Einlass und 2 Stunden vor Beginn des Hauptacts) ausnahmslos voll. Auf Anfragen, wie das denn sein könne, entgegnete man nur, dass "halt in der Porschearena auch ein Konzert sei und darum weniger Kapazitäten frei wären". Großartig, im Dezember bei Schneefall und Minusgraden, wenn nicht mal annähernd für alle Besucher Kapazitäten verfügbar sind und die Leute mit Jacken in der Halle stehen. Ebenso nervt es, wenn ich alle drei Meter die Karte vorzeigen muss, damit sich auch ja keiner aufs falsche Konzert verläuft. Daumen hoch Schleyerhalle, du hast es irgendwie geschafft, dass dein Ansehen bei mir noch weiter gesunken ist und über die Probleme mit den Innenraumzugängen habe ich noch nicht mal was gesagt. Danke für Nichts und ich hoffe, bis nicht ganz so bald.


1 Kommentar :

  1. Es war schön, dich endlich mal wieder zu sehen und nach dem Surfen zu umarmen. Ich hoffe bald wieder auf gemeinsame Konzerte mit dir auf unserem Stammplatz...
    Deine Ambivalenz bzgl. DTH kann ich jedoch nachvollziehen, ich bin auch kein Fan von der Anbiederung an die TwD-Fraktion, aber immerhin ist im Vgl. zu 2013 der starke Versuch spürbar, es auch uns "alten" Hasen gerecht zu machen. Der Spagat gelingt nicht immer so komplett zufriedenstellend. Lass dir aber gesagt sein, dass bei manch anderen Konzerten dieser Tour das Pendel weit mehr zu uns "Alt"-Fans ausschlug.
    In dem Sinne hoffe ich mal auf ein gemeinsames Weihnachtsfest mit und neben dir.
    Bis dahin Gruß von den Bandagen ans Bandana ;-)

    AntwortenLöschen