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Dienstag, 5. Juni 2018

Review: Rock am Ring 2018


Während andere Leute im Frühjahr mit Freudentränen in den Augen die Urlaubskataloge wälzen und sich ausmalen, an welchem Strand sie wohl in diesem Jahr ihren hart ersparten Sommerurlaub verbringen werden, befasse ich mich in der Regel mit der Planung des Festivalsommers. Dabei gibt es alljährlich jedoch einen gesetzten Termin, eine Konstante, an der nichts rütteln kann: Rock am Ring.

Vorwort: Sind wir noch der Ring?

Wer meine Social Media Kanäle verfolgt oder sich in den letzten Wochen ein bisschen mit der Causa Rock am Ring auseinandergesetzt hat, dem ist sicherlich nicht der offene Brief entgangen, den wir bei den Ringrockern erarbeitet haben. Wer ihn noch nicht gelesen hat, darf das gerne hier nachholen. Aber wie kams dazu?

Die Ringrocker, eine große Festivalcommunity (ehemals ausschließlich für Rock am Ring - daher der Name), sind seit knapp 10 Jahren mein Wahlwohnzimmer wenn es um musikalische Debatten im Netz geht. So war es auch vor ein paar Wochen, als ein Nutzer scherzhaft das letzte Rock am Ring ankündigte. Empörte Aufschreie folgten, ehe man Erklärungen für die überspitzte Aussage fand:
Gefühlt wurden noch nie so wenige Tickets für das Traditionsfestival verkauft, das Echo in den sozialen Medien wird immer negativer und kritischer, langjährige Besucher kehren dem Festival den Rücken und auf der anderen Seite werden die Tickets immer teurer. Schnell war klar: irgendwas scheint offenbar schief zu laufen. Und genau da haben wir angesetzt. 

Das Festival hat sich in den letzten Jahren immer weiter zum Negativen verändert. Worin die Gründe aus Fansicht dafür lagen, haben zahlreiche Nutzer in ihren Beiträgen erklärt und dargestellt. Wir haben festgestellt, dass sich viele der Problemstellungen relativ leicht beseitigen ließen - wenn man dem Fan und seinen Bedürfnissen wieder mehr Beachtung zukommen ließe. Die Idee eines offenen Briefs war geboren und auch ich, die ich das Festival seit jeher eisern verteidigt habe, habe daran mitgewirkt. Es war mir eine Herzensgelegenheit, gerade weil mir das Festival so viel bedeutet. 

Nachdem der Brief online ging, gab es unglaublich viel Resonanz und Feedback im Internet. Die Diskussion wurde noch einmal belebt und generell kann man sagen: der Brief erhielt und erhält noch immer unheimlich viel Zustimmung. Es gab auch ein Lebenszeichen von MLK, den Veranstaltern. Sie wollen sich nach dem Festival noch einmal mit unseren Punkten auseinandersetzen. Nachdem bereits einige Anzeichen darauf stehen, dass man die Kritik ernstnimmt, gab es jedoch auch kleinere Seitenhiebe seitens der Lieberbergs. Wir sind gespannt, was da noch kommt. Wir Fans haben sachlich und fair geäußert, was uns stört. Jetzt sind die Chefs dran. Es bleibt spannend!

Trotz all der Kritik im Vorfeld: Ich bin trotzdem am Ring gewesen. Es war wie immer eine unglaublich tolle Zeit. Fünf Tage abschalten, umringt von Freunden und guter Musik. Gehts eigentlich besser? Ich glaube nein. Lust auf einen kleinen Einblick?

Home is, where the Ring is

Hohe Berge, weite Täler - alles wunderschön



Urlaubsidylle! So sah es am Mittwochmorgen kurz vor Acht auf dem Campingplatz B5 aus. Für uns war der Weg auf B5 Neuland, oder besser gesagt: ein Zwangsumzug. Da seit dem kurzen Abenteuer in Mendig Aggregate auch am Nürburgring verboten sind und wir aber auf unseren jahrelang erarbeiteten Luxus auf keinen Fall verzichten wollen, campen wir auf den "RocknRoll" Campingflächen, wo einem Strom zur Verfügung gestellt wird. Entgegen aller Befürchtungen war der Platz ein Glücksgriff. Herrlicher Ausblick, nette Nachbarn, vernünftige Bodenverhältnisse, perfekte Stromversorgung, genügend Sanitärstationen und selbst der Weg bergauf wurde erst am Sonntag so richtig anstrengend. Gerne wieder! 


In der Nacht sind alle Katzen grau



Und so sah es dann ein paar Stunden später aus: grelle Lichter, konfuse Zeltkonstruktionen und schreiende Anlagen soweit Auge und Ohr reichen. Wo Strom erlaubt ist, tummeln sich natürlich die Leute mit den fetten Soundsystemen. Und ihr kennt das sicher: wenn der Nachbar scheiß Musik hört, macht man einfach die eigene lauter. Nach diesem Prinzip schaukelt sich das am Ring immer so hoch, dass man einen permanenten Soundmix aus Slayer, Helge Schneider, undefinierbarem Punk, Karnevalshits und irgendwelchem gestörten Techno hat. Mit Sicherheit nicht Jedermanns Sache, aber immer wieder ein Erlebnis. Erfreulich: mein Ohrendröhnen hat mittlerweile nachgelassen.

Habt ihr nichts zu fressen hier? Ich will Pizza!



Ja, der Luxus. Ich hab ihn ja bereits angesprochen. Mein persönlicher Headliner in diesem Jahr? Ganz klar unser Backofen. Was gibt es schöneres, als nach dem anstrengenden Aufbau ein paar knusprige Pizzabrötchen zu genießen, während man sieht, wie den Nachbarn vor Neid der Sabber aus dem Mund läuft? Der Backofen lief bei uns gefühlt durchgehend, der obligatorische Festivalfraß wie Ravioli durfte Zuhause bleiben. Die Kühlschränke vollgepackt mit Pizza, Aufbackcroissants und Baguettes und der Festivalmagen ist glücklich. Ein Stück Dekadenz, was ich jedem empfehlen würde! 


I'm feeling supersonic, give me Gin and Tonic



Der Umtrunk auf einem Festival ist längst nicht nur warmes Dosenbier. Bei uns hat sich in den letzten Jahren der Trend hin zur Vielfalt entwickelt. Zwischen selbstgemachtem Pfirsichlikör, Gin Tonic mit Gurke, Craft Bier und einer Spirituosen-Auswahl, auf die jede Cocktailbar neidisch wäre, siegt aber komischerweise immer wieder die Ahoi Brause in Kombi mit einem Vodka. Warum wir das trinken? Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Es schmeckt nicht, rumort im Bauch und spätestens nach dem fünften Shot bekommt man derartig Sodbrennen, dass man sich wünscht, nie geboren worden zu sein. Ich schiebe es ja irgendwie auf die Schnapsglocke. Wir haben eine alte Sirene dabei, deren Ertönen für alle Campinsassen einen verbindlichen Schnaps bedeutet. Meine Ohren klingeln immer noch.


I fell into a burning Ring of fire...


Ich liebe den Nürburgring. Die Rennstrecke als Festivallocation besticht für meinen Geschmack auf ganzer Linie. Wie wichtig ein fester Untergrund sein kann, haben andere Festivals oder der Ausflug nach Mendig ja durchaus schon gezeigt. Darüberhinaus ist es ein besonderes Feeling, auf dieser Traditionsstrecke unterwegs zu sein und in den Kurven, in denen schon Schumi und Co. die Runden drehten, das Mittagessen einzunehmen.


Das Gelände, was mit den Bühnen prinzipiell ein Dreieck bildet, bietet für jeden Geschmack Unterhaltungs- und Essensmöglichkeiten. Auch wenn ich den Eindruck hatte, dass das Speisenangebot schon vielfältiger war, so kam ich dennoch voll auf meine Kosten. Zwischen Italienischem Barbecue, armenischen Spezialitäten und den Klassikern wie Burritos und Handbrot konnte man es sich wirklich gut gehen lassen. Für uns dieses Jahr allerdings tabu: Pizza Mario - selbstgemacht war dann doch leckerer.


Das Örtchen Nürburg


Immer wieder schön sind auch Ausflüge nach Nürburg. Früher, als bekanntlich alles besser war, haben wir dort auf D9 gezeltet. Diese nostalgischen Gefühle bringen uns immer wieder dazu, den Weg ins Dorf auf uns zu nehmen und bei einem kalten Getränk einen Snack einzunehmen.



Lass die Musik an!


Zwischen all dem Trubel haben tatsächlich auch noch ein paar Konzerte stattgefunden. Wie immer war ich bereits im Vorfeld schon darauf eingestellt, dass meine vorher sorgsam erstellten Bandpläne nicht funktionieren würden. Doch in diesem Jahr habe ich mich relativ wacker geschlagen! Insgesamt komme ich auf knapp 15 gesehene Bands - viele von euch werden lachen, aber für den Ring ist das bei mir durchaus respektabel. Nennenswerte Verpasser meinerseits? Kettcar und Herr Manson, zwischen uns soll es wohl einfach nicht sein.

Top 5:

1. Foo Fighters - Wenig überraschend, so freute ich mich doch schon Monate aufs Konzert. Es war wahrhaftig einzigartig: alle reden über den stimmlich stark angeschlagenen Dave Grohl. Können wir bitte aber mal darüber sprechen, wie sensationell Taylor die Situation gemeistert hat? Ich bin genauso glücklich über diesen einzigartigen Gig, wie ich es mir erhofft habe. Für mich im internationalen Bereich einfach unschlagbar.

2. Stone Sour - Tolle Setlist, starker Sound, bestens gelaunter Corey Taylor. Perfektes Finale mit Song#3 und Through Glass. Schlichtweg auf ganzer Linie bockstark.

3. Bullet for my Valentine - Es ist so schön zu sehen, was aus dieser Band geworden ist. Mit 14 war ich bereits glühender Anhänger, aber wo die Jungs heute stehen, macht wirklich Spaß. Selbst zwei Freunde aus unserem Camp, die keinen Song kannten und dachten das sei "Emo-Musik" waren im Nachhinein schwer begeistert.

4. Good Charlotte - Die Überraschung des Wochenendes. Kommen da einfach mal nach gefühlt 100 Jahren aus der Versenkung, spielen Hit um Hit und reißen den Ring ab.

5. Casper - Ich traue mich ja kaum das zuzugeben, aber ich war bei Casper. Eigentlich stehe ich ja ein bisschen auf Kriegsfuß mit ihm, aber ich muss ehrlich zugeben, dass das Konzert absolut hervorragend war. Mitreißend, unterhaltsam, kurzweilig. Vielleicht lags auch an den drölf Getränken im Vorfeld, aber das war wirklich stark.


Flop 3

1. Rise Against - "Kann denen bitte mal wer ein Metronom schenken?" - diese Frage fasst den Auftritt perfekt zusammen. Jeder spielte irgendwas, Hauptsache es passt nicht zusammen. Wenn man selbst die Hits erst beim Refrain erkennt... ja gut.

2. Heisskalt - Ich mag die neuen Sachen nicht. Punkt. 

3. Muse - Schon auf Platte kann ich nichts mit ihnen anfangen. Da ich aber immer wieder höre und lese, wie die Band mit Lobeshymnen übersäht wird, dachte ich mir, ich gebe ihnen mal live eine Chance, da das bekanntlich ja vieles ändern kann. Was soll ich sagen? Klares Nein. Für mich ist das Alienmusik, da könnnt ihr mich ruhig für steinigen.


Think Pink!


Bei uns mittlerweile eine feste Tradition: der Mottotag. Alle verkleiden sich, bringen Deko und unnötige Gimmicks mit und wir haben Spaß. Anlässlich meines zehn jährigen RaR-Jubiläums fiel die Wahl in diesem Jahr auf Think Pink - hauptsache blöd! Wie herrlich es ist, wenn man darauf wartet, bis die Campinsassen aus ihren Zelten kommen und sich in die doofsten Kostüme gehüllt haben. Wer eine Mottoidee für 2019 hat - immer her damit!

Barfuß im Regen - und wir tanzen und tanzen und tanzen


Die Eifel und ihr Wetter haben schon Geschichten geschrieben, die in kein Buch der Welt passen. Nach den letzten Jahren kann man dem Wettergott aber nur ein Lob aussprechen - das Wetter war weitgehend toll. Sonne, Wind zur Abkühlung und der Regen hat sich auf einen Tag konzentriert. Das Gewitter nachts hat zwar das ein oder andere Zelt zerlegt und die Wege zu Wasserstraßen gemacht, aber ansonsten kann man für Eifelverhältnisse nicht meckern.

Unsere Nachbarn hat es übrigens nicht so gut erwischt. Dort wo ihr noch Kühlschrank, Bierfässer und das Stativ einer Box seht, war am Abend vorher noch ein großes Gruppenzelt. Doof gelaufen.


Wir sind die letzte Gang der Stadt

Das schönste Festival wäre nichts, ohne die Leute, mit denen man dort ist. Es gab Zeiten, da waren wir mal 50 Leute in unserer Ringgruppe. Über die Jahre (und auch den Veränderungen) haben sich viele ausgeklinkt, was geblieben ist, ist der harte Kern. Die, denen nichts zu blöd ist, die schon sämtliches Elend am Ring miterlebt haben und die, die auch nächstes Jahr wieder gemeinsam hochfahren werden. Und das ist gut so! Es war einmal mehr eine großartige Zeit. Danke dafür! Deshalb: ganz viel Liebe geht raus an Bernadette, Alfons und alle anderen. I habs euch lieb!




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